Auf meiner Seite brennt für dich ein Licht

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Das Internet ist Teil unseres Lebens und zum Leben gehört der Tod. Auf Trauerseiten im Internet können Hinterbliebene ihre Erinnerung bewahren – doch wie viele virtuelle Kerzen braucht es dafür?

von Alisa Ruprecht

Virtuelle Grablichter sollen Anteilnahme zeigen über physische Distanz hinweg.(Foto: flickr/Joerg Moellenkamp (CC-Lizenz) http://www.flickr.com/photos/c0t0d0s0/75975588/) 

 

Die Musik ist ruhig, verträumt und sie stimmt irgendwie nachdenklich. Sie lädt zum Innehalten, zum Verweilen ein. Und sie macht den Schmerz spürbar. Schiefe Töne zerreißen die fortlaufenden Klänge, immer und immer wieder, immer ein bisschen mehr.

Der Schmerz, der spürbar wird, ist der Schmerz von Sandra Sennhauser*.

Sie ist Mutter. Und sie hat die eigene Tochter mit 22 Jahren an Krebs verloren. Sie überleben zu müssen und damit umzugehen, das ist etwas, für das sie alleine nicht die Kraft hat. Nicht haben kann und sicher nicht so bald haben wird. Wenn überhaupt irgendwann.

Deshalb hat sie sich einen virtuellen Ort gesucht, an dem sie trauern und ihre Alena* weiterleben lassen darf. Sie hat die Musik ausgesucht, ein Video hochgeladen und Fotos eingestellt. Von Alena, aber auch eines, das Berge und Felsen zeigt, zerteilt von einem Regenbogen, der irgendwie surreal erscheint, weil er so gar keinen Platz finden mag. Als Rahmen für dieses Bild hat sie ein kräftiges Violett gewählt, erst auf der unteren Hälfte der Seite löst es sich in ein zartes Rosé. Vielleicht Alenas Lieblingsfarbe, vielleicht eine Kombination, die Sandra besonders gefällt.

Das Online-Portal, das Sandra Sennhauser diesen Schritt ermöglicht hat, ist Gedenkseiten.de – ein Trauerportal für Hinterbliebene im Internet.

Hier können Angehörige, Freundinnen und Freunde, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen einen Ort schaffen, an dem die Verstorbenen weiterleben. Oder zumindest präsent bleiben in der virtuellen Welt, irgendwie, wenn sie in der realen Welt schon nicht mehr da sind.

Trauerseiten als virtuelle Gedenkstätten

Gedenkseiten.de soll eine Art virtuelles Vermächtnis sein. Die einzelnen Seiten soll die Frage prägen, was den geliebten Menschen ausgemacht hat. Sie sollen zeigen, wie er oder sie ausgesehen hat, was ihm oder ihr wichtig war, vielleicht auch, wie er oder sie sich bewegt hat, gelacht hat, gelebt hat. Aber zumindest, was man ihm oder ihr als Nachruf überbringen würde, was die letzten Worte wären, die man hätte zurufen wollen, was man nicht mehr kann, weshalb dieselben Worte jetzt trösten sollen, Halt geben sollen, den Hinterbliebenen, irgendwie.

Ein schöner Gedanke.

Einen Ort zu haben, an dem Trost zu finden ist, in den Momenten, in denen eine Linderung der Schmerzen fehlt. An dem Halt zu finden ist, in den Momenten, in denen ein Zusammenbruch droht. Und an dem Anteilnahme gespürt werden kann, wenn der Beistand sonst nicht ausreicht.

Und doch ein seltsamer, fast verstörender Gedanke.

Denn der Ort, von dem wir sprechen, ist fernab von Grabstätten und Friedhöfen, fernab von der Familie und ihrem Lebensumfeld, fernab von spürbaren Umarmungen, realen Berührungen und richtigen Kerzen aus echtem Wachs.

Auf Gedenkseiten.de lassen sich nur virtuelle Kerzen anzünden, bereitgestellt in 15 Varianten, je nach Stimmung, Religionszugehörigkeit und Geschmack länglich oder oval, mit oder ohne christlichem Kreuz, Davidstern oder muslimischem Hilal, gespickt mit einem kleinen Herzen oder einem geflügelten Engelchen, vielleicht doch mit einem Teddybären, und das Ganze wählbar in bis zu 21 Farbvarianten.

Aus rechtlichen Gründen ist die Auswahl der Hintergrundmusik für die einzelnen Seiten beschränkt, das heißt, eigene Lieder können die Angehörigen nicht hochladen, stattdessen gibt es um die 30 vorgegebene Songs, von denen jeder ausgesucht werden kann – um sich dann, gerne wie in Endlosschleife, von Gedenkseite zu Gedenkseite zu ziehen, besonders, wenn er zu den beliebteren Musikstücken gehört und deshalb häufiger gewählt wird.

Und es gibt ein Ranking, eine Art Rangliste der beliebtesten Gedenkseiten. Das heißt, diejenigen, die am häufigsten angeklickt werden, befinden sich unter den meistbesuchten Seiten ganz oben und werden auch so angezeigt, damit jeder Besucher und jede Besucherin weiß, bei welchen Seiten es sich lohnt, einmal reinzuschauen.

Bei welchen Seiten es sich lohnt? Und bei den anderen lohnt es sich nicht?

Ein Ranking nach Beliebtheitsgrad

Und schon sind wir an diesem einen Punkt, der irritierend ist. Der sich mit diesem unterschwelligen Unwohlsein deckt, das den Besuch von Gedenkseiten.de begleiten kann. Der generell nach dem Umgang mit Verstorbenen im Netz fragt und danach, ob und inwiefern das Internet überhaupt die geeignete Plattform für einen ethisch wertvollen Umgang mit dem Tod bieten kann.

Ist das World Wide Web überhaupt dazu geschaffen, tiefergehenden Gefühlen und größeren Emotionen Raum zu geben, die über das Klicken eines „Gefällt mir“-Buttons oder das „Retweeten“ einer Twitter-Nachricht hinausgehen? Kann der Tod im Zeitalter der allgegenwärtigen Rankings von Kommentaren, Bildern und anderen Social Media Inhalten überhaupt angemessen dargestellt und verarbeitet werden? Gehen die tatsächlichen Sorgen und Gefühle von emotional berührten Menschen nicht tendenziell eher unter und verloren, wenn selbst vor einer hierarchischen Einteilung der Toten nach ihrem Beliebtheitsgrad nicht mehr zurückgeschreckt wird?

Seelischen Beistand liefern die Macher von Gedenkseiten.de nicht. Der oder die einzelne Betroffene kann keine psychologische Beratung oder Betreuung erwarten. „Das können wir in diesem Umfeld gar nicht leisten“, so Oliver Schmid, Begründer von Gedenkseiten.de. „Dazu müssten wir dauerhaft einen Psychologen oder Seelsorger bereitstellen, was ich selbst nicht übernehmen und auch gar nicht unser Ziel sein kann.“ Dieses liegt nämlich laut Selbsterklärung von Schmid & Co. an ganz anderer Stelle und besteht im Hinblick auf generationsübergreifende Bestrebungen nicht etwa aus kleinen Worten: „Gedenkseiten sind Erinnerungen für immer an die vor uns Heimgegangenen im weltweiten Internet. Für die kommenden Generationen stellen virtuelle Gedenkseiten der Überlebenden einen unschätzbaren Gedenkwert dar. Durch die mit Wissen über den Verstorbenen gefüllten Seiten bekommen sie einen ganz genauen Einblick in das Leben und die Taten ihrer Ahnen. Die Erinnerung an einen Menschen in dieser Form wäre ohne die Erstellung von Gedenkseiten durch Menschen, die vieles von dem Verstorbenen wussten, für immer verloren für die Kindeskinder.“

Also doch der Versuch, die Erinnerung an jemanden nicht nur zu erhalten, festzuhalten und fortzuführen, sondern auch zu glorifizieren? Bedienen Gedenkseiten.de nicht gar den Drang nach Aufmerksamkeit – über den Tod hinaus? „Natürlich kann es auch darum gehen, ein bestimmtes Bild des Verstorbenen weiterzutragen. Wer möchte nicht gerne nach dem Tod in der Erinnerung weiterleben. Unser Leben spielt sich heute immer häufiger online ab, warum sollte sich also nicht auch der Tod im Internet widerspiegeln“, bemerkt Marlis Prinzing, Journalistik-Professorin an der Macromedia Hochschule in Köln. „Diese Tendenz ist nur dann bedenklich, wenn das Erstellen von Gedenkseiten im Internet Ausdruck von fehlendem Beistand in der Offline-Gesellschaft ist. Und das ist heutzutage leider viel zu häufig der Fall.“

Und da sind wir sicherlich bei dem eigentlichen Problem: Dass es – bei all der viel diskutierten Oberflächlichkeit und Anonymität des Internets – Menschen gibt, die in der nichtvirtuellen Welt noch weniger Raum für Emotionen haben als in der virtuellen Welt, denen der zwischenmenschliche Austausch im familiären und freundschaftlichen Umkreis noch weniger helfen kann als die jeweiligen Anteilnahmen, die sie in Internetportalen erhalten. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Tod nach wie vor ein tabuisiertes Thema ist, keine große Rolle spielt oder keine große Rolle spielen darf“, so Marlis Prinzing.

Tod als gesellschaftliches Tabu

Schnelllebigkeit ist das Stichwort dieser Gesellschaft. Es wird erwartet, dass jeder und jede immer und überall mobil ist und flexibel, heute hier, morgen dort, immer aktuell, immer erreichbar. Und so auch, dass die oder der Trauernde schnell wieder funktioniert, weitermacht, nach vorne schaut und das persönliche Leid hinter sich lässt. Dass jemand wie Sandra Sennhauser nach fast einem Jahr ohne die geliebte Tochter nicht mehr in Tränen ausbricht oder einfach nur in ein tiefes Loch fällt, ohne erkennbaren Grund.

Hier müsste angesetzt werden, wenn Tod und Verlust als Teil des Lebens akzeptiert und in die Gesellschaft integriert werden sollen. Unabhängig von der Anzahl der gezündeten Online-Kerzen.

*Namen geändert

 

 

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